Konzept der Jahrgangsmischung mit Gemeinsamem Lernen
Wir haben seit dem Schuljahr 2024/25 nach über zweijähriger intensiver Evaluation und Konzeptarbeit die Jahrgangsmischung in allen Klassen ausgeweitet. In allen Klassen werden nun Schülerinnen und Schüler aller vier Jahrgänge gemeinsam unterrichtet.
Unsere Jahrgangsmischung basiert auf den Grundsätzen der Montessoripädagogik. „Hilf mir es selbst zu tun“ ist dabei Leitsatz und Programm zugleich.
Kurze und behütete Eingewöhnungszeit
Die oft schwierige und langwierige Eingewöhnungszeit in die Schule wird in einer jahrgangsgemischten Klasse für alle Beteiligten erheblich erleichtert und verkürzt.
Die Kleinen übernehmen Regeln und Rituale von den Großen. Insbesondere Arbeitsorganisation und zentrale Methoden, aber auch ganz lebenspraktische Fragen (wie hefte ich ein Arbeitsblatt ab, der Gang zur Toilette bis hin zu Pausenspielen). Die Kinder in der Jahrgangsmischung wachsen ganz natürlich in das Leben in einer Lerngruppe hinein.
Natürliche Lernsituationen
Die Situation der Altersmischung entspricht einer natürlichen Lernsituation. Auch am Arbeitsplatz, in Familien, in Kindergärten finden sich Menschen unterschiedlichen Alters und lernen voneinander durch unterschiedliche Erfahrungen, Kenntnisse, Interessen, Neigungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten.
Das Lernumfeld in einer jahrgangsgemischten Klasse erleben wir als besonders lebendig, interessant und anregungsreich.
Kein Wechsel der Bezugsgruppe
Bei dem Wechsel in eine andere Jahrgangsstufe – sei es bei längerer oder kürzerer Verweildauer in der Grundschule – erfolgt kein unnötiger Wechsel der Bezugsgruppe und der Lehrpersonen, kein Verlust von Freundschaften und auch kein Wechsel in eine Lerngruppe, deren Mitglieder sich mehrheitlich auf einer anderen psychosozialen Entwicklungsstufe befinden.
Kinder jeder Begabung finden in einer jahrgangsgemischten Klasse leichter eine ihrem Leistungsvermögen angepasste Position innerhalb der Gruppe. Über- sowie Unterforderungen finden somit seltener statt.
Soziale Erziehung in altersgemischten Klassen
Der gemeinsame Unterricht für unterschiedliche Altersgruppen ist eine erzieherisch sehr wertvolle Situation.
Kinder lernen wesentlich leichter von Kindern, die in ihrem Denken und ihrer Entwicklung nahe beieinander liegen.
Das große Kind, das dem kleinen etwas erklärt, muss sich mit seinem Wissen auseinandersetzen, dieses ordnen und für sich Unklarheiten beseitigen, damit es sein Wissen weitergeben kann. Es lernt dadurch auch, sein Wissen zu vertiefen und zu versprachlichen.
Dadurch, dass die Kinder sich gegenseitig helfen, aufeinander Rücksicht nehmen und sich auf den anderen einstellen, wächst ganz natürlich die Achtung der Kinder voreinander und zwar unabhängig vom Leistungsdenken.
So erlernen Kinder, die in einem Altersgefälle miteinander aufwachsen, wichtiges Sozialverhalten wie Toleranz, Rücksicht auf Kleinere und Schwächere usw.
In altersgemischten Klassen lernen Kinder den Umgang mit Jüngeren und Älteren, mit Starken und Schwachen mit kindlicher Akzeptanz, sie lernen durch Zuschauen und Nachahmen. Sie erleben auch, dass Mitschülerinnen und Mitschüler Verantwortung gerne übernehmen, weil sie sich als Ältere in der wichtigen Rolle des Beschützenden erleben.
Im Laufe der Grundschulzeit übernimmt jedes Kind nach und nach mehr Verantwortung und wächst schrittweise vom jüngsten zum ältesten Jahrgang innerhalb einer Klassengemeinschaft.
Unterrichtsorganisation
Die Arbeit in einer jahrgangsübergreifenden Klasse erfordert besonders geeignete Unterrichtsformen, die im Folgenden erläuternd angesprochen werden:
Freiarbeit
Die Freiarbeit stellt das Kind mit seinen Interessen, Neigungen, Aktivitäten und Ideen, mit seiner Anstrengungsbereitschaft und seinem Leistungswillen aber auch seinen Stärken, Schwächen und Lernschwierigkeiten in den pädagogischen Mittelpunkt.
Die Kinder lernen die wichtigen Inhalte im Rahmen der Freiarbeit in kleinen Gruppen oder einzeln. Sie üben und vertiefen Inhalte selbstständig mit dafür geeigneten Materialien.
Freiarbeit ist eine geeignete Unterrichtsform, in der das Kind lernt, sich selbstständig Wissen anzueignen und zu festigen.
Das Kind entscheidet, wie lange es sich mit einem Gegenstand beschäftigt und wie oft es eine Übung wiederholen möchte, ob es alleine oder mit einem anderen Kind arbeiten möchte.
Diese Art der Freiheit beinhaltet gleichzeitig Vereinbarungen, an die ein Kind bei der Arbeit gebunden ist.
Daher müssen einige Grundsätze beachtet werden:
- Die Arbeit mit dem Material kann nur zum Bildungsprozess führen, wenn es sachgerecht eingesetzt wird.
- Das Material wird daher immer von einer Lehrkraft eingeführt und darf nicht zweckentfremdet werden.
- Für kreative Prozesse findet das Kind andere vielfältige Angebote.
- Jede begonnene Arbeit soll beendet werden. Hat das Kind eine zu schwere oder zu einfache Arbeit gewählt, wird es von der Lehrkraft hinsichtlich einer passenden Aufgabe beraten.
Damit die Situation, in der jedes Kind einer anderen Tätigkeit nachgeht, geordnet verläuft, gilt: Die Freiheit des einzelnen endet dort, wo das Interesse des anderen beginnt:
- Das Kind muss Rücksicht nehmen, insbesondere so leise arbeiten, dass sich die anderen auf ihre Arbeit konzentrieren können.
- Kinder, die nicht gewohnt sind selbstständig etwas zu tun, erhalten von der Lehrkraft Hilfe besonders bei der Wahl der Arbeit.
Gruppenunterricht in Freiarbeit
Eine weitere geeignete Unterrichtsform ist der Gruppenunterricht im Rahmen der Freiarbeit. Eine ausgewählte Schülergruppe, z.B. eine Jahrgangsgruppe erhält von der Lehrkraft eine einführende Lektion (z.B. im Anfangsunterricht eine Lektion zur Arbeit an der Anlaut-Tabelle) oder eine jahrgangsübergreifende Gruppe erhält nach Interesse eine Lektion. Diese Lektion kann nach unterschiedlichen methodischen Gesichtspunkten aufgebaut sein.
Die anderen Schülerinnen und Schüler arbeiten in dieser Phase selbstständig an ihrer Freiarbeit. Sie sind es gewohnt, dass sie in dieser Zeit keine Hilfe durch die Lehrkraft bekommen können und wenden sich entweder an eine kompetente Schülerin oder einen kompetenten Schüler oder warten bis die Lektion beendet ist.
Arbeit in Projekten
Eine weitere geeignete Unterrichtsform ist der Gruppenunterricht im Rahmen der Freiarbeit. Eine ausgewählte Schülergruppe, z.B. eine Jahrgangsgruppe erhält von der Lehrkraft eine einführende Lektion (z.B. im Anfangsunterricht eine Lektion zur Arbeit an der Anlaut-Tabelle) oder eine jahrgangsübergreifende Gruppe erhält nach Interesse eine Lektion. Diese Lektion kann nach unterschiedlichen methodischen Gesichtspunkten aufgebaut sein.
Die anderen Schülerinnen und Schüler arbeiten in dieser Phase selbstständig an ihrer Freiarbeit. Sie sind es gewohnt, dass sie in dieser Zeit keine Hilfe durch die Lehrkraft bekommen können und wenden sich entweder an eine kompetente Schülerin oder einen kompetenten Schüler oder warten bis die Lektion beendet ist.
Einzelstunden je Altersgruppe
Bedingt durch die unterschiedliche Anzahl der Unterrichtsstunden nach der Stundentafel haben die höheren Jahrgänge mehr Stunden zur Verfügung. Diese Stunden können genutzt werden, um spezifische Themen der Älteren zu bearbeiten. Aber auch die jüngeren Jahrgänge haben Unterrichtsstunden unter sich, während die Älteren Englisch haben.
Organisation in Tandems
Zwei Klassen bilden gemeinsam ein Tandem, das sowohl im Vor- als auch im Nachmittag eng zusammenarbeitet und teilweise in Gruppen (zum Beispiel ältere oder jüngere Jahrgänge) zusammenarbeitet. Dadurch haben die Kinder Kontakt zu einer größeren Gruppe Gleichaltriger.
Vorbereitete Umgebung
Im Klassenraum finden die Kinder eine Struktur vor, in der sie sich orientieren können, z. B. nach Fachbereichen geordnet. Innerhalb der Fachbereiche gruppiert (z. B. in Mathematik eine Abteilung arithmetischer Materialien, eine weitere mit Materialien zur Geometrie und eine weitere zu Größenbereichen) und innerhalb der Gruppe vom Leichten zum Schweren.
Den Kindern werden Materialien bereitgestellt, die eine Fülle unterschiedlicher Aktivitäten bewirken. Sie ermöglichen die selbstständige Erarbeitung, Übung oder Vertiefung eines Inhalts. Die den Materialien innewohnende Selbstkontrolle fördert die Selbstkompetenz der Kinder.
Die Kinder müssen aus einem breiten Angebot auswählen können. Jedem Kind muss ein Angebot an Lernmaterialien zur Verfügung stehen, das seinen Wissensbedürfnissen und Interessen entspricht.
Rolle des Lehrers / der Lehrerin
Die Lehrkraft muss über ein hohes Maß an emotionaler Zuwendung, Freundlichkeit und Geduld verfügen. Sie muss in der Lage sein, Abstand zu nehmen von der Rolle als Lenkende und Führende hin zu der Rolle als Beobachtende, Beratende und Anregende. Ihre Aufgabe ist es, sinnvolle und notwendige Ordnungsformen aufrecht zu erhalten, die Lernumgebung intensiv vorzubereiten durch Herstellung, Bereitstellung und Anschaffung geeigneter, differenzierter Arbeitsmaterialien, sowie Strukturierung der Lernumgebung z.B. nach Sachgebieten.
Differenzierte Planung der Lernangebote und Auswertung der Arbeit
Lernangebote sollen die unterschiedlichen Ausgangslagen der Kinder berücksichtigen und in Bezug zu den Lehrplänen gesetzt werden. Darüber hinaus enthalten sie Angaben über das jeweilige Lernziel sowie methodische Entscheidungen.
Im Sinne unserer Arbeitsweise ist eine fächerverbindende und fächerübergreifende Herangehensweise erwünscht, wo immer es sich anbietet.
Inklusion aller Kinder
Seit 1999 besteht an der Engelsbachschule die Möglichkeit einer inklusiven Beschulung aller Kinder, auch derer mit besonderem Förderbedarf.
Das gesamte Grundschulkonzept mit offenem und projektbezogenem Unterricht orientiert sich besonders an den individuellen Entwicklungsmöglichkeiten eines jeden Kindes. Die Kinder erleben im täglichen Umgang miteinander, dass alle mit ihren Schwächen und Stärken in der Gemeinschaft ihren Platz haben.
Diese integrative Unterrichtsform ist eine pädagogisch wertvolle Situation für alle Beteiligten. Kinder mit unterschiedlichen Erfahrungen und Problemen begegnen sich und lernen voneinander. Die Kinder treten für einander ein, Achtung und Verständnis werden gefördert. Sie lernen Toleranz und Rücksicht für die jeweiligen Eigenarten.
Um dieser besonderen pädagogischen Situation gerecht zu werden, arbeiten Pädagoginnen mit unterschiedlichen Qualifikationen (Grundschullehrkräfte und Sonder- und Sozialpädagog*innen) kooperativ zusammen.
Alle Schülerinnen und Schüler erhalten die Chance in einer Atmosphäre der gegenseitigen Anerkennung und Wertschätzung am gemeinsamen Inhalt zu lernen. Dabei legen wir Wert darauf, dass die Kinder gemeinsam am Unterricht teilnehmen.
Gemeinsames Lernen bedeutet für uns, die Überwindung eines defizitären Denkens zu Gunsten einer Fähigkeitsorientierung.